Die Wirtin

Das Stück

Mirandolina, selbstbewusste Wirtin eines Florentiner Wirtshauses, hat alle Mühe, sich die Männer, die in hartem Wettkampf um ihre Liebe stehen, vom Leib zu halten. „Ich brauche Sie nicht, verehrte Männer. Nein, das stimmt nicht. Ich genieße Ihre verliebten Kalbsaugen, ich ergötze mich an Ihrer schmachtenden Ordensbrust. Sie sind so zauberhafte Karikaturen, meine Herren. Sie sehen, ich habe mein eigenes Vergnügen an Ihnen.“

Um ihre Gunst buhlen ein armer Marchese mit Verehrung und Anbetung, ein reicher Graf mit Geld und großzügigen Geschenken und der Kellner Fabrizio, ein kleiner Gauner aus Neapel, der mit proletarischem Charme punktet. „Sie haben ein Gasthaus und keinen Mann.“ –  “ Richtig. Und du bist ein Mann und hast kein Gasthaus.“

Dejanira und Ortensia, zwei ordinäre Florentiner Dirnen, sollen sich nach Fabrizios Plan als reiche, ”adelige” Damen ausgeben, um die buhlenden Aristokraten zu ködern. „Ein paar falsche Titel. Und schon läuft die Sache richtig.“

Doch Mirandolina hat es darauf abgesehen, den fanatischen Weiberhasser Cavaliere von Rippafrata mit allen Mitteln weiblicher Verführungskunst an sich zu locken. Ihr Vorhaben gelingt. „O, Weib, meine Sehnsucht verschlingt die Entfernung! Stoße mich in die Quellen des Lebens!“

Als ihr der liebestolle Cavaliere in hoffnungsloser Leidenschaft zu Füßen liegt, quält sie ihn bis zur Verzweiflung und reicht ihre Hand – dem Kellner Fabrizio. „Du bist der Mann im Haus, und ich bin die Frau im Haus. Wir machen alles gemeinsam. Einverstanden? „

Die Rache des gedemütigten Aristokraten ist bitter: er hat Mirandolinas gepachtetes Wirtshaus dem ehemaligen Besitzer abgekauft und degradiert sie zum Küchenmädchen. Fabrizio wird den Gerichten ausgeliefert. „Als verantwortlicher Besitzer sehe ich mich gezwungen, einige personelle Veränderungen vorzunehmen.“

Turrini: „In Goldonis Komödie ist alles möglich. Obwohl die Gesellschaft von Männern beherrscht wird, hat eine Frau ein Gasthaus. Obwohl der Kellner ein armer Schlucker ist, nimmt ihn die Wirtin zum Mann. Obwohl die Möglichkeiten der Aristokratie unbegrenzt sind, lässt sich ein Blaublut von der Wirtin pflanzen, rollen, verhökern, reinlegen. Erst zeigt sie ihm die heiße Schulter. Kaum fängt der arme Stockfisch Feuer, zeigt sie ihm die kalte Schulter. Maria und Moneta, Geld und Glaube, es lebe die Komödie! Ich liebe die Komödie, aber ich halte eben vieles nicht für möglich. Damals schon gar nicht und heute noch immer nicht. In meiner Version schuftet und erniedrigt sich eine Frau jahrelang, bis sie ein Gasthaus pachten kann. Der Kellner liebt die Wirtin, weil er zu einem Gasthaus kommen will. Das Blaublut lässt sich von der emanzipierten Wirtin zwar anständig einseifen, schlägt aber dann umso brutaler zurück. Wer die Macht hat, hat die Möglichkeit. Kurz: mein Stück zeigt den Zusammenhang zwischen Liebe und Ökonomie. Was zählt, ist Geld. Auf Wiedersehen. Der Vorhang fällt.“

Der Autor

„Kämpfer, Künstler, Narr und Bürger“

„Ein romantischer Realist“

„I am too many people“

(Drei Titel von vielen Büchern über den Autor)

Peter Turrini ist der Sohn des italienischen Kunsttischlers Ernesto Turrini und der steirischen Hausangestellten Else Turrini, geborene Reßler. Geboren 1944 in St. Margarethen in Kärnten, wuchs er in Maria Saal auf und war von 1963 bis 1971 in verschiedenen Berufen tätig – unter anderem als Magazineur bei Huber-Trikot, als Werbetexter bei einer amerikanischen Agentur, als Hotelsekretär in Bibione, als Hilfsarbeiter in Neuwied am Rhein. Seit 1971 freier Schriftsteller, lebt er in Kleinriedenthal bei Retz.

Er schreibt Theaterstücke, Drehbücher, Gedichte, Aufsätze und Reden. Seine Werke wurden in über dreißig Sprachen übersetzt, seine Theaterstücke werden weltweit gespielt. Im Suhrkamp Verlag erschien eine zwölfbändige Werkausgabe. Peter Turrini wurde durch Rozznjogd (1971), Sauschlachten (1972) und die Fernsehserie Alpensaga (1974–1979) bekannt. In seinen ersten beiden Werken verwendete er Dialekt, in den Minderleistern aber eine kunstvolle „hohe“ Sprache. Er beteiligte sich an unzähligen Autorenlesungen; u. a.  machte er auch gemeinsam mit Helmut Qualtinger und H. C. Artmann eine mehrwöchige Lesetournee an amerikanischen Universitäten.

Im Vorfeld der Besetzung der Hainburger Au 1984 war Turrini einer der Teilnehmer der Pressekonferenz der Tiere und trat dabei als Rotbauchunke auf.

Peter Turrini ist Träger zahlreicher Preise und Auszeichnungen, z. B. der Bundesländer Wien, Kärnten, Niederösterreich und Steiermark, der British Academy of Film and Television, des Int. Fernsehfestival Monte Carlo, ist Ehrendoktor der Universität Klagenfurt, besitzt eine Romy und hat für sein Lebenswerk den Nestroy-Preis erhalten – um nur einiges zu erwähnen. Bis heute gibt es von ihm sechsunddreißig Theaterstücke, drei Opernlibretti, fünfundfünfzig Buchausgaben, vierzehn verfilmte Drehbücher, siebzehn Hörspiele sowie Sprechplatten und CDs.

Neuere Werke: „Campiello“ (frei nach Goldoni, Neufassung) Theater in der Josefstadt 2011; „Silvester“, Stadttheater Klagenfurt 2011; „Endlich Schluss“ (Neufassung), Theater in der Josefstadt 2012; „Aus Liebe“, Theater in der Josefstadt 2013; „C’est la vie“, Theater in der Josefstadt 2014; „Sieben Sekunden Ewigkeit“, Theater in der Josefstadt 2017; „Fremdenzimmer“, Theater in der Josefstadt 2018.

Maske: Kordula Lingler / Bühnenbild: Siegbert Zivny / Technik: Franz Reindl /  Kostüme: Barbara Langbein / Souffleuse: Gerda Lodek / Fotos/Videos: Helmut Oelkers
Regie: Jürgen Bailey

Premiere: 27.06.2019

Besetzung

 
Karin Brandl
Mirandolina (Wirtin)
Peter Urschik
Cavaliere von Rippafratta
Alexander Brandl
Fabrizio (Kellner)
Ferdinand Beham
Marchese von Albafiorita
Walter Heckenthaler
Graf von Forlinpopoli
Christina Deringer
Dejanira (Schauspielerin)
Raphaela Dienstl
Ortensia (Schauspielerin)
Robert Wutzl
Wache/Regieassistenz
Juergen Bailey
Wache/Regie
Gerda Lodek
Souffleuse

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