Der Bockerer

Der Bockerer

Wien 1938 –  Karl Bockerer, Fleischhauer und Selchermeister, hat am selben Tag Geburtstag wie Adolf Hitler. Sowohl seine Frau Binerl als auch der gemeinsame Sohn Hans haben in ihrer Begeisterung für den Führer Karls großen Tag vergessen. Der Bockerer ist nicht bereit, den Nazi-Wahn mitzumachen: Zwar fühlt er sich nicht gerade zum Widerstandskämpfer berufen, aber er will sich weder von seinem Freund, dem Juden Rosenblatt, noch von dem kommunistischen Eisenbahner Hermann trennen. Doch zusehends hinterlässt der beginnende Krieg auch in Bockerers Welt Spuren.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist DSC_0794-1024x683.jpgZur Entstehung

Friedrich Torberg kreierte schon sehr früh die Figur eines „Herrn Neidinger“, nach einem angeblich realen, regimekritischen Fleischhauer aus Wien. Er publizierte szenische Skizzen (mit Zeichnungen des nach Paris geflüchteten Bil Spira) in der, in Paris erscheinenden und von emigrierten öster-reichischen Schriftstellern und Künstlern gestalteten, monarchistischen Zeitschrift Die österreichische Post (1938 bis 1939).

Im österreichischen Exilkabarett „Laterndl“ in London tauchte um 1940 ebenfalls die Gestalt eines „Herrn Neidinger“ auf. Eine Personifizierung des „Wiener Volkscharakters“, die sich listig-schlau-dümmlich durch die Fallstricke der NS-Herrschaft schlägt. Eine dieser Szenen trägt den Titel „Der verhängnisvolle Geburtstag“ und könnte als eine der „Urszenen“ für den „Bockerer“ bezeichnet werden. Es ist anzunehmen, dass Peter Preses an dieser Szene als Autor und Schauspieler mitgewirkt hat. Auch andere Szenen des „Bockerers“ dürften von der künstlerischen Arbeit Preses‘ in diesem Kabarett inspiriert worden sein.

Eine Anekdote berichtet, dass der Schriftsteller Alexander Roda Roda im Zürcher Exil in einem Kaffeehaus saß und auf seinen Schwiegersohn Ulrich Becher wartete. Becher erzählte seinem Schwiegervater: „In Wien gibt es noch einen, der gegen den Hitler ist.“ Auf die erstaunte Frage von Roda Roda nach dessen Identität antwortete der junge Autor: „Ein Fleischhacker in der Paniglgasse“.

Einige Jahre später erschienen in der „Austro American Tribune“ in New York erste Szenen des „Bockerer“ von Ulrich Becher und Peter Preses. Friedrich Torberg fand sich um die Idee seines „Herrn Neidinger“ beraubt und klagte die geistige Urheberschaft vor einem New Yorker Gericht ein. Torberg verlor den Prozess und die lange Freundschaft und Kollegenschaft zu Ulrich Becher war damit beendet.

Am 2. Oktober 1948 wurde das Stück unter der Regie von Günther Haenel im „Neuen Theater an der Scala“ in Wien uraufgeführt.

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Es vergingen viele Jahre bis zur nächsten Inszenierung, die erst 1963 in Deutschland, im Landestheater Tübingen, stattfand. Im selben Jahr wurde das Stück für das österreichische Fernsehen mit Fritz Muliar in der Hauptrolle verfilmt. 1978 erzielte das Stück in Mannheim einen sehr großen Erfolg, dem sich nun auch das österreichische Theater nicht mehr entziehen konnte. Die größte Popularität bekam „Der Bockerer“ 1981 durch die Kinoverfilmung von Franz Antel.

Becher selbst nennt das Stück: „Eine schwejkartige Satire auf sieben Jahre Hitlerei in Österreich.“

Die Autoren

Ulrich Becher

Dramatiker, Lyriker, Romancier, geboren 1910 in Berlin, studierte Jura und war der einzige Mal-Schüler von George Grosz, 1932 erschien sein erstes Buch, das von den Nazis als entartete Literatur verbrannt wurde. Nach einer Odyssee durch Europa und Amerika kehrte er 1948 nach Europa zurück, zuerst nach Wien, wo er mit dem Theaterstück Der Bockerer, das er zusammen mit Peter Preses verfasst hatte, grossen Erfolg hatte. 1954 zog Ulrich Becher nach Basel, wo er 1990 starb.

Sein Hauptwerk „Die Murmeljagd“ wurde 2009 im Schöffling Verlag neu aufgelegt.

Peter Preses

beteiligte sich seit 1934 in Wien am Widerstand gegen den Nationalsozialismus, indem er mit satirischen und kabarettistischen Programmen dem nationalistischen Gedankengut entgegentrat.

Im Jahr 1938 emigrierte er nach London, wo er ab 1939 im Exilkabarett „Laterndl“ aktiv wurde. Das Motiv seiner Werke und Stücke war stets ein freies und unabhängiges Österreich.

1943 ging Preses ins Exil nach New York. Dort lernte er Ulrich Becher kennen, gemeinsam verfassten sie in New York das Stück „Der Bockerer“. Preses kehrte 1946 nach Wien zurück.“ Der Bockerer“ wurde im selben Jahr als Werk veröffentlicht.

Bis zu seinem Tod wirkte und arbeitete Preses am Wiener Theater in der Josefstadt.

Preses‘ ehrenhalber gewidmete Grabstätte befindet sich auf dem Neustifter Friedhof in Wien.

Maske: Kordula Lingler / Bühnenbild: Siegbert Zivny / Technik: Franz Reindl /  Kostüme: Barbara Langbein / Souffleuse: Gerda Lodek / Fotos/Videos: Helmut Oelkers
Regie: Conrad Wiesenhofer

Premiere: 22.11.2018

Besetzung

 
Peter Urschik
Karl Bockerer, Fleischhauermeister
Karin Brandl
Binerl, seine Frau
Jürgen Bailey
Hansi, deren Sohn
Kathrin Korinek
Mizzi Haberl, dessen Gspusi
Ferdinand Beham
Hatzinger, pensionierter Postoffizial
Alexander Brandl
Dr. Rosenblatt, Rechtsanwalt
Herbert Ludwig
Rayonsinspektor Guritsch
Leonhard Orgler
Dr. von Lamm, Offizier der Gestapo
Gerhard Harrauer
Hermann, Eisenbahner
Michaela Rieger
Annerl, Hermanns Frau
Nikolaus Bachmayer
Prof. Dr. Selchgruber
Waltraude Reinwald
Frau Reichl
Raphaela Dienstl
Frau Singer
Willi Zimmermann
Herr Blau
Regine Gessl
Frau Blau
Bernhard Schemel
Ferdinand Gstettner, SS-Mann/Berliner Parteigenosse/Sanitäter/Blaubemützter
Claudia Zorn
Fr. Krampflicek/Fr. Klobasser
Karin Lehejcek
Passantin/Kellnerin im Café Tosca
Gerhard Masin
Passant/Heurigenwirt Wastl
Robert Wutzl
Passant/Unauffälliger/Berliner Parteigenosse
Walter Heckenthaler
Reiseorganisator der Berliner/Hr. Knabe, Uhrmacher aus Berlin
Ernst Auer
Wachmann/Unauffälliger/SA-Mann/Sanitäter/Blaubemützter

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